„Unsere Motivation und unser Wille ist es, nachhaltige, alternative Elektromobilität gesellschaftsfähig zu machen“

Interview mit Helen Kessel über die Entwicklung des Fahrradautos im ruhrvalley

Entwurf des Fahrradautos im ruhrvalley Projekt RS1 Mobil

Von der Zeichnung zum ersten Entwurf: Das Fahrradauto RS1 Mobil nimmt weiter Form an. Zwar ist das erste Vorführmodell überwiegend aus Holz gefertigt und noch nicht straßentauglich, doch lässt dieser Mock-up bereits erkennen, wohin die Reise gehen wird. Doch was steckt eigentlich hinter der Idee des Fahrradautos? Wie kann so ein Fahrzeug später einmal aussehen und wozu eignet es sich besonders gut?

Das ruhrvalley Management Office hat mit Helen Kessel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Innovationsforschung und -management, über den aktuellen Stand und über die Pläne des Projektteams mit dem Fahrradauto gesprochen.

Die Mobilität im Ruhrgebiet revolutionieren

Rund 5,1 Millionen Menschen leben in einem der größten Ballungsräume Europas: dem Ruhrgebiet. Mit der Einwohnerzahl steigt auch die Zahl der Pendler. Rund 1,8 Millionen Menschen sind auf dem Weg zu ihrer Arbeit täglich im Ruhrgebiet unterwegs. Etwa die Hälfte von ihnen nutzt dabei das Auto.

Um den CO2-Austoß im Ruhrgebiet, aber auch andernorts, zu senken, entwickeln Helen Kessel und Michael Roch, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Westfälischen Hochschule gemeinsam mit Holger Kluft, Institut für Elektromobilität der Hochschule Bochum, im ruhrvalley Projekt RS1 Mobil das „Fahrradauto“. Denn das Ruhrgebiet ist nicht nur über die Schiene und die Autobahn gut vernetzt, auch das Fernradwegenetz wird stetig erweitert. 101 Kilometer umfasst der erste Radschnellweg der Republik „RS1“, der von Duisburg nach Hamm einmal quer durch die Metropole Ruhr führen soll. Das Fahrradauto soll die Mobilitätslücke zwischen Fahrrad, Pedelec (Pedal Electric Cycle) und Auto schließen und ermöglicht es den Nutzern, nicht nur auf dem RS1, sondern auf allen Radwegen und in Innenstädten unterstützt durch einen elektrischen Antrieb unterwegs zu sein.

Foto von Helen Kessel beim Bau am Mock-up des Fahrradautos
Beim Bau des Mock-ups für das Fahrradauto

Nun haben die Forschenden einen ersten Mock-up fertiggestellt, mit dessen Hilfe sie die Maße des späteren Fahrradautos genauer festlegen, den Materialansatz besser kalkulieren und vor allem eine Ergonomieanalyse durchführen können.

ruhrvalley MMO: Bevor wir über den aktuellen Mock-up sprechen, drei Fragen vorab: Was macht das Fahrradauto aus und welche Vorteile bietet es gegenüber einem Auto?

Kessel: Diese neue Mobilitätsform bietet gerade in der Stadt und im urbanen Raum verschiedene Vorteile: Rechtlich als Fahrrad eingestuft kann es von jedem auch ohne Führerschein gefahren werden.
Ein Dach mit optionalem Solarmodul schützt vor Sonne und Regen und erzeugt Energie für den elektrischen Antrieb. Und auch in Sachen Stauraum kann das Fahrradauto mit so manchem Kleinwagen mithalten: Ein zweiter Sitz, ein integrierter, abschließbarer Kofferraum und die maximale Zuladung von rund 200kg bieten entweder Platz für eine zweite Person mit wenig Gepäck oder für ein großes Gepäckstück.

Mit einer Breite von 90 cm können Fahrradautos legal auf Radwegen und damit am Stau vorbeifahren. Außerdem ist es nur 2m lang, sodass es jedem leicht fällt, einen Parkplatz zu finden. Da es als Fahrrad zugelassen ist, darf es auch wie ein Rad abgestellt und in „autofreien“ Zonen von Innenstädten gefahren werden. Mit einer Reichweite von bis zu 100km erreichen die Fahrer jeden Ort im Ruhrgebiet. Durch ein Wechselakkusystem ist der Akku in Sekundenschnelle ausgetauscht und kann an jeder häuslichen Steckdose geladen werden.

Was auch noch für das Fahrradauto spricht, sind die Betriebskosten: 100 km kosten nur 42 Cent, das ist 17 mal billiger, als die Nutzung eines herkömmlich angetriebenen Kleinwagens. Wer einen grünen Stromanbieter hat, ist somit komplett emissionsfrei unterwegs.

ruhrvalley MMO: Wie funktioniert das Fahrradauto?

Kessel: Das Fahrradauto ist zweispurig und vierrädrig aufgebaut und daher kippstabil. An roten Ampeln kann man sitzen bleiben ohne das Fahrzeug auszubalancieren. Ein Überrollbügel bietet zusätzlich Sicherheit für den Insassen. Der Antrieb soll mittels Pedal-by-wire System erfolgen. Das bedeutet, dass zur Kraftübertragung keine Kette oder Riemen mehr benötigt werden, da die Pedalkraft über einen Tretgenerator direkt in den Fahrzeugakku eingespeist wird. Dadurch entfällt der wartungs- und kostenintensive Antriebsstrang im Fahrzeug und man hat außerdem mehr Platz im Fußraum.

Der Elektromotor mit 250W unterstützt die Fahrer bis 25 km/h. So müssen sie sich nur moderat anstrengen und sind trotzdem in Bewegung. Für diejenigen, die gerne schneller unterwegs sein möchten, gibt es auch die Möglichkeit zur Konfiguration einer schnellen 45 km/h Variante. Hier entfallen aber leider die Vorteile des Fahrrads, da man rechtlich als Kleinkraftrad eingestuft wird, einen Mofa Führerschein und ein Versicherungskennzeichen benötigt und auch keine Radwege benutzen darf.

ruhrvalley MMO: Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Fahrradauto?

Kessel: Unsere Motivation und unser Wille ist es, nachhaltige, alternative Elektromobilität gesellschaftsfähig zu machen. Wir möchten ihre Vorteile möglichst vielen Menschen aufzuzeigen und zugänglich machen. Dabei entwickeln wir nicht nur das Fahrzeug, sondern erarbeiten auch Fragestellungen rund um diese Mobilitätsform: Wie sieht sie aus? Und wie kann ein Umsetzungskonzept unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten gestaltet werden kann, um individuelle und gesellschaftliche Bedürfnisse zu befriedigen? Diesen Fragen möchten wir uns in Zukunft verstärkt widmen.

ruhrvalley MMO: Wie geht es nun weiter mit dem ersten Mock-up?

Kessel: Bis Ende des Jahres möchten wir ein „rolling chassis“ fertigstellen. Dieses rollende Fahrgestell bestehend aus Bodengruppe und Antriebsstrang wird bereits fahrfähig sein. So können wir Fahrgefühl, Antriebsstrangs und Lenkung testen und technisch anpassen, um die Änderungen in der nächsten Entwicklungsstufe, dem Bau des vollständigen Prototyps, verbessert verbauen zu können.

Aufbauend auf dem jetzigen Forschungsprojekt „RS 1 Mobil“ planen wir für das kommende Jahr, gemeinsam mit der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen ein Proof of Concept für die Montage weiterer Prototypen zu realisieren. Mit diesem Partner können wir unterschiedliche Nutzungsszenarien für den Einsatz dieser Mobilitätsform, etwa in der mobilen Pflege oder bei Hol- und Bringdiensten, austesten. Technische Anpassungen und Verbesserungen können somit direkt umgesetzt werden.
Dies sind ideale Voraussetzungen, um die Machbarkeit des Projektes technisch, wirtschaftlich und wissenschaftlich in der Praxis zu evaluieren.

Auch das Gutachtergremium des Förderaufrufs „NRW Start-up Transfer“ hat das weitere Vorhaben mit dem Fahrradauto positiv bewertet und zur Förderung vorgeschlagen.

Das ruhrvalley Management Office drückt weiterhin die Daumen für das Projekt und bedankt sich für das Interview.