„Das Spannungsfeld rund um die Energie- und Mobilitätswende ist auch ein Kernthema im ruhrvalley, das wir mit vereinter Kompetenz in Angriff nehmen.“

Interview mit Professor Dr. Haydar Mecit, Stiftungsprofessor Stadtwerke Herne AG

Mehr als 14 Jahren befasst sich Professor Dr. Haydar Mecit mit den Themen Elektromobilität und Infrastrukturen. Seit 2019 hat er die Stiftungsprofessur der Stadtwerke Herne AG für das Fachgebiet urbane Energie- und Mobilitätssysteme inne. Im Interview mit dem ruhrvalley Management Office (MMO) spricht er über zukünftige Herausforderungen auf diesem Gebiet und über seine Arbeit im ruhrvalley.

ruhrvalley MMO: Bitte geben Sie einen kurzen Abriss Ihres persönlichen Weges, der Sie zu ruhrvalley geführt hat.

Mecit: Ich habe an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen den damals neuen Studiengang Medieninformatik belegt und war zum Ende meines Studiums beim Fraunhofer Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme in Sankt Augustin tätig. Hiervor zog es mich für ein Auslandspraxissemester in die USA. Als Diplom-Informatiker wurde ich 2005 auf die Stellenausschreibung eines neu gegründeten Innovationszentrums der thyssenkrupp Automotive AG aufmerksam. Als Trainee für Innovationsmanagement befasste ich mich thematisch verstärkt mit dem Automobilsektor beziehungsweise auch mit der Mobilität und Verkehrsinfrastrukturen im Ganzen. Hierbei verbrachte ich auch einige Monate in Japan, um „vor Ort“ neben den japanischen Automobil- und Robotik-Innovationen auch die dortige Forschungslandschaft kennenzulernen. Bis 2017 durchlief ich verschiedene Stationen im thyssenkrupp Konzern - mit den wechselnden Schwerpunkten Forschung und Entwicklung im Automobil- und Industrie-Sektor, Corporate Foresight und Corporate Strategy sowie der Produkt- und Vertriebsstrategie.

Professor Dr. Haydar Mecit

Ende 2010 bis Anfang 2013 hatte ich mithilfe eines Firmenstipendiums ein Sabbatical dafür genutzt, mein Promotionsvorhaben an der Universität Duisburg-Essen aufzunehmen. Ich promovierte an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften und wurde in dieser Zeit interdisziplinär an den Lehrstühlen Wirtschafts- und Organisationspsychologie sowie Produktionstechnologie und Produktentwicklung betreut. Dabei übernahm ich auch Lehrveranstaltungen im Wirtschaftsingenieurwesen der Fachhochschule Münster. Von 2013 bis 2017 führte ich meine Promotionsarbeit berufsbegleitend durch. Neben zwei Kindern konnte ich in 2018 dann auch ein drittes, „wissenschaftliches Kind“ mein Eigen nennen, welches den Namen beziehungsweise das Thema „Debiasing von Entscheidungsverhalten in Technologieunternehmen am Beispiel der Elektromobilität“ aufweist.

Meine letzten beruflichen Stationen führten mich als Senior Expert R&D E-Mobility sowie Manager Sales International E-Mobility zur innogy SE in Essen und Dortmund.

ruhrvalley MMO: Sie arbeiten schon lange im Bereich der urbanen Energie und E-Mobilität, was reizt Sie daran am meisten?

Mecit: Wie auch schon bei meinen vorherigen Tätigkeiten interessiere ich mich insbesondere für die Elektromobilität und der damit einhergehenden Transformation des Energiesektors. Dabei betrachte ich nicht nur elektrifizierte Autos, sondern vielerlei Fahrzeugarten bis hin zur Mikromobilität wie in Form von e-Fahrrädern oder e-Scootern. Die Elektrifizierung und Leistungspotenziale von Batterien und Elektromotoren verändern gerade die bis dato bekannte Mobilitätswelt. Andererseits ändern Erneuerbare Energien etwa in Form von Windkraft- oder Solaranlagen den Energiesektor in Gänze. Auch hier werden Energiespeichersysteme und digitale Möglichkeiten der Steuerung unser bisher bekanntes Energienetz sehr wahrscheinlich stark verändern. Dementsprechend reizen mich Forschungs- und Entwicklungsprojekte sowie internationale Kooperationen beispielsweise in den Bereichen E-Mobility, Smart Grids und Charging Infrastructures beziehungsweise auch die Entwicklung neuer Produkte und Services zu zukünftigen Business Models rund um Smart Mobility, Smart Energy und Smart Cities auf Basis von IT-Plattformen, Sensorik, mobile Devices und Apps.

ruhrvalley MMO: Wie sieht ein typischer Arbeitstag im ruhrvalley bei Ihnen aus?

Mecit: Neben der Lehre an der Hochschule Bochum im Bereich neuer Energie- und Mobilitätssysteme für den urbanen Raum bin ich öfters in der Stadt Herne und dort bei unterschiedlichen Projektpartnern. Dazu gehören neben den Stadtwerken Herne AG auch der Herner ÖPNV namens HCR GmbH, aber auch die Herner Wirtschaftsförderungsgesellschaft und das Herner Rathaus beziehungsweise Einheiten der Stadtverwaltung. Gemeinsam tauschen wir uns zu laufenden und neuen Projekten im Rahmen der Stiftungsprofessur wie auch zu solchen im Rahmen des ruhrvalley aus. Meine Schwerpunkte sind hierbei Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zum Themenbereich Smart City, im Rahmen dessen ich mich insbesondere mit neuen digitalen, vernetzten Systemen für neue Energieversorgungs- und Mobilitätskonzepte befasse. Beispiele hierfür sind der Einsatz von Photovoltaikanlagen in Kombination mit stationären Batterien zum Speichern der Energie und Weitergabe etwa an ein Privathaus samt Elektroauto.

ruhrvalley MMO: Was ist das Besondere am Standort ruhrvalley für Ihre Arbeit?

Mecit: Das ruhrvalley Management Office unterstützt mich mit Rat und Tat in Sachen Forschungsantragsvorbereitungen. Zudem werden die Treffen mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unserer Partner-Hochschulen organisiert, neben speziellen Events, wie den ruhrvalley Conventions. All diese Aktivitäten dienen dazu, die interdisziplinäre Forschungsarbeit des ruhrvalley nachhaltig zu gestalten und sind an sich eine große Hilfe für mich und meine Kolleginnen und Kollegen im Forschungsverbund. Der zentrale Standort in Herne, zwischen Gelsenkirchen, Bochum und Dortmund, ist ein Glücksgriff und hierfür sind wir sehr dankbar.

ruhrvalley MMO: Wo sehen Sie momentan die größte Herausforderung im Bereich urbane Energie und Mobilität und wie lässt sich diese Ihrer Meinung nach bewältigen?

Mecit: Die Elektrifizierung und Digitalisierung des Mobilitätssektors geht zeitgleich mit Umwälzungen im Energiesektor einher. Angesichts des nun stark diskutierten Klimawandels werden diese Themenfelder neben global agierenden Konzernen und etablierten Tech-Giganten auch zunehmend von Start-ups bestimmt. Einige davon werden direkt von Hochschulabsolventinnen und -absolventen angestoßen und aus Hochschulen heraus gegründet. Das Spannungsfeld rund um die sogenannte Energie- und Mobilitätswende ist demnach auch ein Kernthema an der Hochschule Bochum und im ruhrvalley, das wir mit vereinter Kompetenz in Angriff nehmen. In meinem Fachgebiet wird die Entwicklung sowie auch Erprobung neuartiger, integrierter und nachhaltiger Lösungen vorangetrieben, die meist auf die Digitalisierung und Vernetzung setzen und Daten aus unterschiedlichsten Sensoren oder vielmehr Emittern nutzen. Dabei werden etwa auch die gemeinsamen Ziele Ressourcenschonung, CO2- und Emissionsreduktion beziehungsweise Klimaschutz mittels neuer, urbaner Energie- und Mobilitätssysteme verfolgt. Dies soll bewerkstelligt werden, indem Forschungs- und Entwicklungsprojekte für das Realumfeld und unter Einbezug aller beteiligten Sektoren und Akteure im urbanen Raum durchgeführt werden. In diesem Zusammenhang wird eben auch von den sogenannten Smart-City-Lösungen gesprochen, wobei mein besonderer Fokus auf den beiden Themengebieten Smart Mobility und Smart Energy liegt. Meinen Studierenden sage ich immer gerne, dass das Wort Smart als digitalisiert und vernetzt verstanden werden kann.

Vor diesem thematischen Hintergrund betrachte ich als wesentliche Aufgabe die Erforschung von Auswirkungen neuer Integrationsmöglichkeiten, die von Smart-City-Hardware- und Software-Lösungen in Verbindung mit IT-Plattformen und -Ökosystemen sowie auch Mobile Apps bestimmt werden. Dabei möchte ich neuartige Technologien für nachhaltige und emissionsarme Mobilität und Energie nicht nur beobachten, sondern auch deren Einsatz und Effekt im Realumfeld gemeinsam mit Projektpartnern an der Hochschule Bochum und im ruhrvalley erforschen. Dies ist ein wesentlicher Schritt, um die vor uns stehenden Herausforderungen tatkräftig anzugehen. Dabei betrachte ich die Interdisziplinarität und den Forschungsverbund des ruhrvalley als ausschlaggebenden Vorteil und freue mich auf die nächsten gemeinsamen Jahre.