Elektromobilität aus dem ruhrvalley ab 2021 im Deutschen Museum Nürnberg

Interview mit Professor Dr. Friedbert Pautzke über das SolarCar-Projekt an der Hochschule Bochum

Ein Kran hebt das Bochumer SolarCar in die neuen Museumsräume in Nürnberg

Seit rund 20 Jahren bauen Professor Dr. Friedbert Pautzke und sein SolarCar-Team an der Hochschule Bochum Elektroautos, die ihre Energie aus der Sonne speisen. Das jüngste Modell wird ab 2021 Teil der Ausstellung des Deutschen Museums in Nürnberg sein. Doch wie hat eigentlich alles angefangen? Welche Ziele verbinden sich mit so einem Projekt? Und was bedeutet es, am SolarCar mitzuarbeiten? Dies und mehr verrät Friedbert Pautzke, Professor für Elektromobilität an der Hochschule Bochum, im Interview mit dem ruhrvalley Management Office.

Ein Fenster in die Zukunft

Ein Kran hebt das solarbetriebene Sportcoupé Ende September 2020 durch ein Fenster in die neu errichteten Ausstellungsräume. Ein wenig futuristisch mutet das viersitzige Elektroauto an mit seiner markant geschwungenen Karosserie und den vielen Solarzellen, die seine Oberfläche bedecken. Damit fügt es sich gut ein in seinen neuen Einsatzort: Ab 2021 wird das Bochumer SolarCar thyssenkrupp blue.cruiser Teil des Zukunftsmuseums sein, der neuen Zweigstelle des Deutschen Museums in Nürnberg. Hier lernen die Besucherinnen und Besucher ab dem kommenden Jahr Zukunftstechnologien kennen, experimentieren in Mitmachlaboren und können so einen Blick in die Welt von morgen werfen.

Treibstoff Sonne: 3.000 Kilometer durch Australien

Doch auch in der Vergangenheit hat der Sonnenwagen aus Bochum schon einiges hinter sich gebracht. Der Weg nach Nürnberg führte das Elektroauto rund 3.000 Kilometer quer durch Australien. Bei der Bridgestone World Solar Challenge fährt jedes Team mit einem selbstkonstruierten Solarauto von Darwin bis Adelaide. Eine Woche haben die Teilnehmenden aus aller Welt Zeit, diese Strecke zu bewältigen. Seit 2001 nehmen Studierende der Hochschule Bochum an dem alle zwei Jahre stattfindenden Wettbewerb Teil und entwickelt dafür über 24 Monate hinweg ein neues Fahrzeug. Der thyssenkrupp blue.cruiser ist das siebte und zugleich aktuellste Modell aus der SolarCar-Schmiede am Institut für Elektromobilität der Hochschule Bochum und belegte 2017 in Australien Platz zwei in seiner Klasse.

ruhrvalley Management Office: Herr Professor Pautzke, Was bedeutet es für Sie, dass das aktuelle Modell des Bochumer SolarCars ab 2021 in den neuen Museumsräumen in Nürnberg zu sehen sein wird?

Pautzke: Bei den Ausstellungsstücken im Deutschen Museum handelt es sich ja um technische Errungenschaften und vor allem um Dinge von allgemeinem technischen Interesse. Dass darunter nun auch der thyssenkrupp blue.cruiser ist, bedeutet mir sehr viel. Auch für die Hochschule Bochum ist es ein toller Erfolg: Ganze Schulklassen sowie Familien mit ihren Kindern besuchen das Deutsche Museum und können dort in Zukunft unser Fahrzeug kennen lernen. Vor rund zwanzig Jahren habe ich das Projekt gemeinsam mit meinen Kollegen Stefan Spychalski und Peter Neumann begonnen und wir hatten immer ein Ziel: Wenn wir mit dem Projekt einmal aufhören, soll eines der Autos im Deutschen Museum zu sehen sein. Für mich persönlich ist es das Highlight des Projekts und zugleich bereits ein kleiner Abschluss, denn in der nächsten Phase wollen wir das Projekt in einen Verein überführen.

ruhrvalley Management Office: Welches Ziel verfolgen Sie mit dem SolarCar?

Pautzke: Unsere Ziele sind mehrschichtig. Vor rund zwanzig Jahren wurden an der Hochschule viele Inhalte ausschließlich im Frontalunterricht vermittelt. Das reichte aus meiner Sicht nicht aus. Ich wollte stattdessen ein Projekt umsetzen, in dem junge Menschen eigenverantwortlich und aus eigener Motivation heraus etwas machen. Außerdem wollte ich sie gerne an Innovationen im Bereich Elektromobilität und regenerativer Energieerzeugung teilhaben lassen. Mit etwas Glück bin ich schließlich auf die SolarCar-Szene gestoßen. Daran fand ich zwei Dinge toll: Die Autos beweisen nicht nur, dass Elektromobilität an sich funktioniert, sondern zeigen darüber hinaus, dass es gelingen kann, Fahrzeuge mit regenerativen Energien anzutreiben. Diese beiden Punkte waren vor zwanzig Jahren, anders als heute, noch überhaupt nicht anerkannt.

ruhrvalley Management Office: Was macht das aktuelle Modell, den thyssenkrupp blue.cruiser, aus?

Pautzke: Dieses Fahrzeug wurde von einem der größten und zugleich heterogensten Teams seit Projektbeginn entwickelt. Über 50 Personen haben daran mitgearbeitet. In diesem Team waren beinahe alle Fachbereiche unserer Hochschule vertreten. Darüber hinaus haben viele Studierende von den Hochschulen ringsherum an dem Projekt mitgewirkt. Neben Studierenden der Elektrotechnik, des Maschinenbaus oder der Mechatronik waren auch Sprachwissenschaftler, Physiker und angehende Marketingexperten dabei.

Der thyssenkrupp blue.cruiser ist das erste Fahrzeug, das wir zusammen mit einem Designer, einem Studenten der Folkwang Universität der Künste, entworfen haben. Hinzu kommt, dass wir sehr interessante Komponenten aus unterschiedlichen Materialien verbaut haben. Wie schon beim Vorgängermodell, dem ThyssenKrupp SunRiser, war uns auch diesmal Nachhaltigkeit wichtig. Wir haben für das Fahrzeug Materialien ausgewählt, die einen möglichst geringen Einfluss auf die Umwelt haben. Wie etwa Piñatex, auch Ananasleder genannt. Entscheidend dabei war, dass wir die Umweltwirkung tatsächlich errechnet haben. Dazu haben die Nachhaltigkeitsstudierenden in unserem Team für dieses Fahrzeug ein Life Cycle Assessment durchgeführt. Aus der Analyse konnten wir Schlüsse ziehen, welche Materialen an welcher Stelle die Umwelt sowie die Ressourcen am stärksten belasten oder am meisten Energie bei der Produktion verbrauchen.

Das Team aus Bochum mit dem thyssenkrupp blue.cruiser
Das Team aus Bochum mit dem thyssenkrupp blue.cruiser

ruhrvalley Management Office: Das Projekt gibt es seit rund 20 Jahren. Wie hat es sich in dieser Zeit verändert?

Pautzke: Die Teams sind immer größer und heterogener geworden. Begonnen haben wir 1999 mit einem dreizehnköpfigen Team bestehend aus Mechatronik-Studenten, die ein Auslandssemester an der London South Bank University absolviert haben. Gemeinsam haben wir als Team der London South Bank University 2001 zum ersten Mal an der World Solar Challenge teilgenommen.

Ab 2001 wurde das Gemeinschaftsprojekt der London South Bank University und der Hochschule Bochum dann in Bochum fortgeführt und es kamen Elektrotechnik- und Maschinenbau-Studenten hinzu. So haben wir immer neue Aspekte in das Projekt einbringen können. Auch technisch haben wir uns weiterentwickelt und immer mehr Komponenten selbst gebaut wie Motoren, Elektronik, Software und sogar Leistungselektronik wie einen Wechselrichter. Neben der technischen Weiterentwicklung haben wir zunehmend Aspekte aus den Bereichen Betriebswirtschaft und Nachhaltigkeit berücksichtigt. Mit zunehmender Teamstärke und höherer Fertigungstiefe probierten wir neue Managementmethoden aus, um den Entwicklungsprozess zu steuern.

ruhrvalley Management Office: Was bedeutet es für die Studierenden, an dem Projekt mitzuwirken?

Pautzke: Zunächst einmal werden die Studierenden wesentlich selbstbewusster. Gerade in den ersten Jahren waren sehr viele Studierende dabei, die noch nie zuvor geflogen waren oder im Hotel übernachtet hatten. Die Schwierigkeiten und Hürden einer solchen Reise selbst zu meistern, wie etwa den Transport des Autos zu organisieren, stärkt das Selbstbewusstsein der Studierenden. Außerdem war es mir wichtig, sie mit einem Thema zu beschäftigen, das aus meiner Sicht Zukunft hatte. So ist es mir gelungen, Studierende schon recht frühzeitig mit einer neuen Technologie zu beschäftigen. Das hat ihnen beruflich sehr weitergeholfen, denn gerade in den vergangenen zehn Jahren war Elektromobilität genau das Thema der Automobilindustrie.

Wir versuchen also, die Studierenden sowohl technisch als auch persönlich und organisatorisch zu befähigen, Probleme zu lösen. Und genau das ist es, was ein Gründer braucht. Aus unserem Institut heraus haben sich sieben Firmen gegründet, an denen maßgeblich ehemalige Studierende aus dem SolarCar-Projekt beteiligt sind.

ruhrvalley Management Office: Welchen Effekt hat das Projekt über die Hochschule hinaus etwa im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit Unternehmen?

Pautzke: Gerade in der Anfangsphase von 2007 bis 2017 haben wir sehr viele Forschungsprojekte erhalten, weil wir nachweisen konnten, dass wir schon Elektroautos gebaut hatten. Alle zwei Jahre haben wir zumindest einen Prototypen gefertigt. Das konnten zu dieser Zeit nicht viele Hochschulen und Universitäten zeigen. Unsere Fahrzeuge waren häufig auf Messen unterwegs und sie stehen auch nicht zum ersten Mal in einem Museum: Der BOcruiser war zum Beispiel Teil der Weltausstellung 2017 unter dem Motto Future Energy: Action for Global Sustainabilty und steht noch immer auf dem Expogelände in Nur-Sultan, ehemals Astana, Kasachstan. Diese Sichtbarkeit hat natürlich geholfen. So haben wir über 120 Sponsoren für das Projekt gewinnen können, darunter unter anderem SolarWorld und thyssenkrupp.

ruhrvalley Management Office: Wie wird es weitergehen mit dem SolarCar-Projekt in Bochum?

Wir werden das Projekt mit ehemaligen und aktuell Studierenden der Hochschule Bochum in einen Verein überführen und verstetigen. Weltweit sind viele SolarCar-Teams in Vereinen, die an Hochschulen angegliedert sind, organisiert. Der BO Solar e.V. ist schon gegründet und wird das Projekt fortsetzen.


Das ruhrvalley Management Office wünscht weiterhin viel Erfolg für das Projekt und bedankt sich für das Interview.

Mehr Informationen zum Bochumer SolarCar gibt es auf www.bosolarcar.de