Die Zukunft auf dem Prüfstand

Interview mit Nils Stentenbach, Geschäftsführer von Voltavision, über die Zukunft der Energiespeicherung, konsequentes Hinterfragen und Herausforderungen im ruhrvalley

Nils Stentenbach, Geschäftsführer von Voltavision

Nils Stentenbach wagt den Blick in die Zukunft. Das ist sein Beruf. Vor neun Jahren gründete er gemeinsam mit seinem Bruder Julian Stentenbach Voltavision, ein Entwicklungs- und Testzentrum für Leistungselektronik und Energiespeicher. Mit inzwischen über 150 Mitarbeitenden tragen sie dazu bei, regenerativ erzeugte Energie besser nutzbar zu machen.

In den Batterieprüflaboren von Voltavision erzeugen Nils Stentenbach und sein Team Messdaten, die ihren Kunden Aufschluss darüber geben, wie sie ihre Batterien verbessern können: Sie etwa sicherer, günstiger oder langlebiger konzipieren – je nachdem, was die Entwicklungsaufgabe vorgibt. Im Zeitraffer von nur einigen Monaten kann Voltavision Verhalten und Alterung einer Batterie im Laufe von 15 Jahren vorhersagen. Doch Nils Stentenbachs konzentrierter Blick in die Zukunft endet jenseits des Prüflabors nicht. Sein Ziel ist es, aktiv eine nachhaltige Zukunft mitzugestalten. Wie ihm das gelingt und wie er und sein Team dafür zusammenarbeiten, erklärt er im Interview mit dem ruhrvalley Management Office (MMO).

Nils Stentenbach, Geschäftsführer von Voltavision
Nils Stentenbach, Geschäftsführer von Voltavision

ruhrvalley MMO: Welches Ziel verfolgen du und dein Team mit Voltavision?

Nils Stentenbach: Wir wollen Mobilität ausschließlich mit regenerativ erzeugter Energie. Im Prinzip tun wir, was wir können, um bei Problemen zu helfen. Wenn wir uns anschauen, was wir Menschen hier in den vergangenen Jahrzehnten fabriziert haben, ist das oft nicht klug, denn es ist weder nachhaltig noch zukunftsfähig. In meinem Bereich als Ingenieur sind das zum Beispiel die Energieversorgung oder der Verbrennungsmotor, der mit fossilen Brennstoffen für den massenhaften Personenverkehr nur ein paar Jahrzehnte funktioniert und währenddessen viel Schaden anrichtet. Wir aber wollen Lösungen entwickeln oder zumindest an Entwicklungen teilhaben, die nachhaltig sind. Ein Schritt in die richtige Richtung ist regenerativ erzeugte elektrische Energie. Als einzelner Ingenieur und selbst mit einem eigenen Unternehmen kann ich natürlich nicht die ganze Welt auf regenerative Energien umstellen, aber ich kann zumindest diejenigen dabei unterstützen, die viel bewirken können. Das sind aus meiner Sicht im Moment die Automobilersteller. Sie haben einen sehr großen Hebel in der Hand, denn sie investieren viel Geld und Ingenieurskunst in ihre Technologie „das Auto“, das sehr bald überwiegend rein elektrisch fahren wird. Dafür braucht es Batterien und wir helfen ihnen dabei, ihre Batterien möglichst schnell massentauglich zu machen.

ruhrvalley MMO: Warum habt ihr euch in dem Prozess der Umstellung von fossiler auf regenerativ erzeugte Energie gerade auf das Prüfen spezialisiert?

Nils Stentenbach: Wir wollen, dass unsere Kunden mit batteriebetriebenen Fahrzeugen erfolgreich sind. Wenn ein Hersteller etwas entwickelt und verkauft, musst er sicherstellen, dass es beim Kunden funktioniert. Eine so neue Technologie wie ein Elektroauto oder speziell eine Batterie, über die es noch kaum Erfahrungswerte gibt, musst im Vorfeld sehr viel getestet werden. Nur so kann ein Hersteller sein Produkt zu einer solchen Marktreife entwickeln, dass es beim Kunden für mindestens 10 Jahre – und im Falle eines Autos für mindestens 150.000 km – genau das tut, was der Kunde von diesem Produkt erwartet.

ruhrvalley MMO: Was genau testet ihr?

Nils Stentenbach: Wir testen und simulieren im Vorfeld alles, was eine Batterie später einmal im Fahrzeug auf der Straße erlebt. Dazu gehören sämtliche Szenarien, die eine Batterie elektrisch fordern und altern lassen sowie Umwelteinflüsse wie Temperatur und Feuchtigkeit. In Schweden zum Beispiel ist es sehr kalt und trocken – das muss eine Batterie ebenso aushalten wie feuchte Hitze in Singapur. Oder auch wechselnde Bedingungen: Von der warmen Garage hinaus in den kalten Winter und durch die nächste Eiswasserpfütze. Außerdem prüfen wir Aspekte wie häufiges und schnelles Laden. 15 Jahre Lebensdauer, also ein ganzes Fahrzeugleben, können wir im Prüfstand auf weniger als ein Jahr zusammenraffen. So können wir feststellen, wo Schwachstellen auftreten und wie eine Batterie sich im Alterungsprozess verändert.

ruhrvalley MMO: Wie wird sich Elektromobilität aus deiner Sicht in den nächsten Jahren entwickeln?

Nils Stentenbach: Langsamer als nötig. Denn wir sind insbesondere hier in Deutschland nicht darauf vorbereitet. Wir haben unsere Unternehmen und die Technik viele Jahrzehnte lang für Verbrennungskraftmotoren oder Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren optimiert. Dafür haben wir weltklasse Hersteller, Entwickler und Zulieferer. Aber jetzt ist plötzlich alles anders: elektrisch, vernetzt und autonom. Und diese Veränderung der ganzen Branche dauert lange.

ruhrvalley MMO: Wie trägt Voltavision zu dieser Veränderung bei?

Nils Stentenbach: Seit neun Jahren investieren wir den Großteil unserer Wachzeit und unseres Geldes in den Aufbau von dringend benötigten Batterieprüflaboren und Expertenteams, damit unsere Kunden ihre Batterien weiterentwickeln und absichern können. Ich persönlich habe die Firma gegründet, weil ich mit dem, was ich als Ingenieur gut kann und gerne mache, zu etwas Sinnvollem beitragen möchte. Und zwar nicht allein, sondern mit möglichst vielen mutigen Menschen, die auch sinnstiftend arbeiten wollen. Ich glaube, wenn man sich zusammenschließt in einem Unternehmen, kann man eine ganze Menge bewirken. Zum einen können wir die Automobilindustrie unterstützen, den Umstieg auf elektrische Fahrzeuge zu beschleunigen. Zum anderen können wir aber auch eine Organisation aufbauen, in der wir verantwortungsvoll und wirksam zusammenarbeiten. Das heißt, wir können die Art und Weise, wie wir zu einer Veränderung beitragen, selbst und bewusst gestalten.

ruhrvalley MMO: Wie arbeitet ihr zusammen im Team und mit dem Kunden?

Nils Stentenbach: Arbeit ist etwas für mich, das einen Mehrwert bringt. Wenn ich diesen Mehrwert spüren kann, weil ich merke, dass ich mit meiner Arbeit in der Welt etwas verändere, fühlt sich das gut an. Bei allem, was wir tun, stellen wir uns deshalb die Frage: „Wofür tun wir das jetzt eigentlich?“ oder „Was hat der Kunde davon?“ Konsequentes Hinterfragen ist also das eine. Zum anderen fokussieren wir uns immer wieder auf ein zu lösendes Problem. Jedes Mal, wenn wir an etwas arbeiten, fragen wir uns: „Bringt diese Lösung einem Menschen oder einem Unternehmen da draußen einen Mehrwert?“ Wichtig ist für mich, dass jeder im Team die Möglichkeit hat, direkt zu erleben, wie sich sein Handeln oder sein Nicht-Handeln auswirkt. Deshalb hat möglichst jeder von uns Kontakt zum Kunden, zum Endprodukt und zu dem, was der Kunde damit macht.

ruhrvalley MMO: Was bedeutet für dich ruhrvalley?

Nils Stentenbach: Zunächst einmal haben wir unserer Region einfach einen etwas anderen Namen gegeben, um zu veranschaulichen, dass wir etwas meinen, das über das Ruhrgebiet, wie es jetzt ist, hinausgeht. ruhrvalley ist für mich das transformierte Ruhrgebiet, wie ich es in Zukunft gerne hätte. So wie wir in unserem Unternehmen mit einem tollen Team vertrauensvoll zusammenarbeiten und Probleme lösen, so würde ich auch gerne unternehmensübergreifend arbeiten. Die Herausforderungen in der Metropolregion Ruhr gemeinsam mit Partnern und Kunden auf Augenhöhe angehen – das ist für mich die Idee hinter ruhrvalley.

ruhrvalley MMO: Wie hat sich ruhrvalley aus deiner Sicht entwickelt?

Nils Stentenbach: Erst einmal finde ich es beeindruckend, was daraus geworden ist. Dabei hatte die ursprüngliche Idee von ruhrvalley nur am Rande etwas mit den Fachhochschulen zu tun. Wir wollten einfach Menschen aus verschiedenen Unternehmen und Institutionen miteinander vernetzen. Das Forschungs- und Hochschulcluster im ruhrvalley hat sich mittlerweile sehr stark ausgeprägt und gut etabliert. Der Teil der Unternehmer oder der Einzelpersonen, die sich für die Region engagieren und hier etwas verändern wollen, könnte noch ein bisschen intensiver vorangetrieben werden. Aber die Hochschulallianz und der ruhrvalley Cluster e.V. sind extrem schnell und aktiv geworden und darüber freue ich mich sehr.